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Cover
VERLAG
Knaur
SEITENZAHL
544
AUSSTATTUNG
TB
PREIS
EUR (D) 9,99
ISBN
3-426-50405-7
ISBN-13
978-3-426-50405-5
ERSCHEINUNGSTERMIN
2009-10-01

Dieses Buch ist lieferbar.

 

Leseprobe




Die Finger ihres Großvaters bohrten sich in Lores Schulter.
Sie stöhnte vor Schmerz auf, hob den Kopf und sah sein bleiches,
zornverzerrtes Gesicht über sich. Erschrocken fragte sie sich, womit
sie den alten Herrn so sehr verärgert haben mochte. Dann erst
bemerkte sie, dass er angestrengt durch das Fenster blickte. Dort
teilte ein schnurgerader, scheinbar endlos langer Karrenweg den
vom Licht der tiefstehenden Abendsonne beschienenen Forst. In
einer halben Stunde würde die Dämmerung den Wald in Schatten
tauchen, aber noch war es hell genug, um die stattliche Kutsche
des Freiherrn von Trettin auf Trettin zu erkennen, die sich,
von vier Pferden gezogen, dem alten Jagdhaus näherte.
Der alte Herr ließ Lores Schulter ebenso überraschend los, wie er
sie gepackt hatte, drehte sich um und eilte in sein Zimmer. Beklommen
folgte sie ihm und sah, wie er den Gewehrschrank öffnete,
eine Doppelflinte herausnahm und sie mit zitternden Händen
lud.
»Großvater, tu’s bitte nicht!«, flehte sie und vergaß in ihrer Angst
ganz, dass sie ihn mit »Euch« hätte anreden müssen. Zu jeder anderen
Zeit wäre sie scharf gerügt worden, doch nun starrte der
alte Herr auf die Waff e und stellte sie mit einer bedauernden Geste
zurück in den Schrank.
»Du hast recht, Lore! Eine Ratte erschlägt man, aber man vergeudet
keine Patrone an sie.« Er kehrte zum Fenster zurück und
blickte der näher kommenden Kutsche entgegen. Dabei erschien
eine scharfe Kerbe über seiner Nase, und er stieß eine leise Verwünschung
aus. »Der Kerl will sich wohl mit eigenen Augen überzeugen,
ob ich bereits ganz am Boden liege. Aber diesem ehrlosen
Lumpen werde ich heimleuchten!«
Wolfhard Nikolaus von Trettin legte sich bereits die Worte zurecht,
die er seinem Neff en an den Kopf werfen wollte, als sein
Blick auf Lore fiel. »Ich glaube, es ist besser, du gehst nach Hause.
Ottokars Konversation war noch nie amüsant und ist auch nicht
für Kinderohren geeignet.«
Lore wollte den alten Herrn schon daran erinnern, dass sie vor vier
Wochen ihren fünfzehnten Geburtstag gefeiert hatte und in diesem
Alter sich andere Mädchen bereits ihr eigenes Brot verdienen
mussten, doch nach einem Blick in sein versteinert wirkendes Gesicht
besann sie sich eines Besseren und versuchte ihn auf einem
anderen Weg umzustimmen.
»Es ist schon spät, Herr Großvater, und ich werde nicht vor Einbruch
der Nacht zu Hause ankommen.«
Der alte Herr schnaubte verärgert. »Hat Elsie dir wieder Schauergeschichten
erzählt und dir Angst vor Waldgeistern gemacht?
Aber die gibt es nur in der Phantasie dieser dummen Pute.«
»Nein, Herr Großvater«, versicherte Lore. »Das ist es gewiss
nicht!«
Ungeduldig versetzte er ihr einen leichten Stoß. »Mach jetzt, dass
du verschwindest! Ottokars Kutsche hält bereits vor der Tür, und
ich will nicht, dass er dich hier sieht.«
Lore meinte zwar, sie könne sich ebenso gut auf dem Dachboden
oder im Keller verstecken, damit der neue Freiherr auf Trettin sie
nicht bemerkte, doch kannte sie ihren Großvater gut genug, um
ihm nicht zu widersprechen. Daher knickste sie und verschwand
im selben Moment durch die Hintertür, in dem der Besucher von
vorne ins Haus kam und breitbeinig in das Zimmer ihres Großvaters
trat.
Ottokar Freiherr von Trettin hatte keine Ähnlichkeit mit seinem
hochgewachsenen, trotz seines Alters noch stattlichen Onkel.
Das, was ihm an Körpergröße fehlte, machte er an Umfang wett
und wirkte daher fast so breit wie hoch. Sein rundes Gesicht war
von gesunder Farbe, die kleinen Augen standen eng zusammen,
und die Nase glich einer Kartoffel. Seine schwindende braune
Haartracht wurde von einem Zylinder aus geschorenem Biberpelz
bedeckt, und auch die anderen körperlichen Mängel suchte er
durch übertrieben elegante Kleidung wettzumachen: Sein Rock
und seine Hose stammten gewiss aus einem hochmodischen
Schneidersalon. So ausstaffiert wirkte er neben seinem in einen
schlichten Lodenanzug gekleideten Onkel wie ein gutgemästeter
Pfau.
Auf dem hageren Gesicht des alten Herrn wechselten Ekel, Hass
und Zorn in rascher Folge, doch das schien den Besucher wenig
zu stören.
Ottokar von Trettin trat auf den Hausherrn zu und hielt ihm den
vergoldeten Knauf seines Gehstocks unter die Nase, als wollte er
ihm Schläge androhen. »Ich habe mit dir zu reden, Oheim!«
Obwohl er gedämpft sprach, verriet seine Stimme, dass nicht nur
Lores Großvater seine Wut im Zaum halten musste.
»Was willst du denn noch von mir? Du hast mir mit Hilfe deiner
guten Freunde bereits alles außer dieser erbärmlichen Hütte hier
weggenommen. Oder sind die Kerle zur Einsicht gekommen und
haben dir Gut Trettin wieder abgesprochen?«
»Das Gut gehört mir! Es war mein Recht, es dir abzufordern. Die
Hausgesetze schreiben vor, dass Grundbesitz und Vermögen der
Familie ungeschmälert als Majorat weitergegeben werden müssen.
Statt dich danach zu richten, hast du alles verlottern lassen und
damit mich, deinen Erben, um das bringen wollen, was mir von
Rechts wegen zustand!« Ottokar von Trettins Stimme überschlug
sich vor Erregung.
Zwar hatte er seinen Onkel vor zwei Monaten durch einen Gerichtsbeschluss
von Gut Trettin vertrieben und den Besitz selbst
übernommen, doch für ihn galt es noch einige Dinge zu klären.
Das Gesicht des alten Herrn verdüsterte sich, und er trat einen
Schritt auf den Gewehrschrank zu, in dem die geladene Flinte
steckte. Doch dann ließ er die ausgestreckte Hand wieder sinken.
Ottokars Tod konnte an der Situation nichts mehr ändern. Nach
dessen Ableben würde das Gut Trettin nicht an ihn zurückfallen,
sondern an dessen Frau und die ungezogenen Bengel übergehen.
Außerdem wollte er seinen Namen nicht durch den Skandal beschmutzen,
von der Polizei verhaftet und nach Königsberg oder
gar nach Berlin geschleppt zu werden.
Da sein Onkel nicht antwortete, stieß Ottokar von Trettin seinen
Stock auf den Boden. »Ich habe inzwischen die Bücher durchgesehen
und entdeckt, dass deine Ausgaben in einem eklatanten
Missverhältnis zu den eingetragenen Einnahmen stehen. Zudem
ist das Gut massiv mit Hypotheken belastet. Es war tatsächlich
höchste Zeit, dir die Verfügungsgewalt zu nehmen.«
»Gestohlen hast du es mir! Es war mein Eigentum und hätte es bis
zu meinem Tod bleiben müssen«, brüllte Wolfhard von Trettin
und gab sich keine Mühe, seine Abscheu gegen diese vollgefressene
Kröte zu verbergen, die er den Majoratsregeln zufolge als seinen
Erben ertragen musste.
Ottokar ballte die freie Hand zu Faust. »Ich glaube, du hast mich
nicht verstanden, Onkel. Ich will wissen, wo das Geld hingekommen
ist, das du eingenommen hast. Wenn Trettin richtig geführt
wird, ist es eine Goldgrube!«
Der alte Freiherr machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich
war nie ein Bauer, der die Ähren auf seinem Feld zählt, so wie du
es anscheinend machst, und da mir ein Sohn versagt geblieben ist,
hatte ich keinen Grund, jeden Taler herumzudrehen.«
Ottokar knirschte mit den Zähnen. »Du hast das Geld für deine
Tochter und ihren lumpigen Ehemann beiseitegeschafft. Gib es
doch zu! Doch es gehört zum Gut, und ich werde es mir zurückholen!«
»Viel Glück«, spottete der Alte. »Aber du darfst es mir schon
glauben: Ich habe stets auf großem Fuß gelebt und mir keinen Genuss
versagt.«
Das konnte Ottokar nicht abstreiten. Der exzentrische Lebenswandel
seines Onkels war seit Jahren in aller Munde, und nicht
wenige der heimischen Honoratioren hatten ihre Erleichterung
geäußert, dass die Lotterwirtschaft auf Trettin endlich ein Ende
nehmen würde. Aber trotz aller Kapriolen des alten Herrn hätte
nach seinem Dafürhalten deutlich mehr Geld auf den Konten des
Gutes vorhanden sein müssen.
»Wenn das fehlende Geld nicht innerhalb dieses Monats an das
Gut zurückfl ießt, werde ich dich verklagen, Onkel. Deine Tochter
und ihre Bälger haben kein Anrecht darauf.«
»Du hast es doch nur auf das Jagdhaus und das Stückchen Wald
abgesehen, das ich noch besitze! Aber selbst mit Hilfe deiner guten
Freunde vom Gericht wird es dir nicht gelingen, es mir abzunehmen.
Diesen Besitz hat mir mein Schwiegervater vererbt, also
zählt er nicht zum Majorat.«
Obwohl er einen Stock in der Hand hielt, wich Ottokar von Trettin
zurück, aus Angst, sein Onkel könne handgreifl ich werden. Als
dieser sich jedoch nicht rührte, schob er angriffslustig das Kinn
nach vorne. »Du missverstehst mich absichtlich. Ich sprach nicht
von dieser halbverfallenen Hütte und den paar Morgen Wald, die
sich, mit Verlaub, in einem entsetzlichen Zustand befinden. Mir
geht es um das Geld, das du heimlich beiseitegeschafft hast, um es
deiner Tochter zuzustecken. Sie wird keinen Taler davon bekommen,
das schwöre ich!«
»Du bist ein Narr, Ottokar, genauso wie dein Vater einer war. Um
Geld zur Seite legen zu können, habe ich viel zu flott gelebt.« Wolfhard
von Trettin war ruhig geworden und lachte seinem Neffen
nun ins Gesicht. Dieser mahlte mit den Kiefern wie eine wiederkäuende
Kuh und stieß dann einen gotteslästerlichen Fluch aus.
»Dann sehen wir uns vor Gericht wieder! Beklage dich aber nicht,
wenn dir der Richter auch noch das letzte Hemd nimmt. Schließlich
hätte deine Tochter es auch anders haben können. Doch sie
musste ja diesen lächerlichen Lehrer mir vorziehen. Der Kerl ist
ein Hungerleider, der niemals auf einen grünen Zweig kommen
wird!«
Sein Onkel erinnerte sich mit Grausen an die Zeit, in der Ottokar
seine Leonore in einer Weise bedrängt hatte, dass er mehrmals
hatte eingreifen müssen. Bis heute wusste er nicht, ob seine Tochter
den Dorfschullehrer Claus Huppach wirklich geliebt oder sich
ihm nur deswegen zugewandt hatte, um vor weiteren Nachstellungen
ihres Vetters sicher zu sein. Leonore hatte sich dieses gutmütige
Schaf von einem Mann ausgesucht und ihm weisgemacht,
ihr ganzes Lebensglück hinge von dieser Verbindung ab. Da zu
Wolfhards Verwunderung außer Ottokar kein Freier aus seinen
Kreisen an ihn herangetreten war, hatte er schweren Herzens seine
Zustimmung zu dieser Heirat gegeben.
Inzwischen hatte er sich mit seinem Schwiegersohn abgefunden
und freute sich an der munteren Rasselbande, die im Lehrerhaus
aufwuchs, auch wenn die Kinder in seiner Gegenwart so still wie
Mäuschen wurden. Da von vorneherein klar gewesen war, dass
Gut Trettin als Majorat an seinen widerwärtigen Neff en gehen
würde, hatte er getan, was noch möglich gewesen war, um Leonore
und seinen Enkelkindern auch nach seinem Tod ein gutes Leben
zu bieten. Davon würde er sich auch durch Ottokars Drohungen
nicht abhalten lassen.
Daher sah er mit einem spöttischen Lächeln auf seinen Neffen
hinab. »Tu, was du nicht lassen kannst. Allerdings bezweifle ich,
dass du Erfolg haben wirst.«
Ottokar stieß wütend die Luft aus der Lunge. »Ich weiß, dass du
Geld hast! Immerhin hast du im letzten Jahr zweitausend Taler
zum Fenster hinausgeworfen, um Fridolin vor dem Schuldgefängnis
zu bewahren.«
»Es war das letzte Bargeld, über das ich verfügen konnte, und ich
habe es lieber für Fridolin ausgegeben, als es irgendwann einmal
dir zu überlassen.«
Der Spott in Wolfhard von Trettins Stimme ließ Ottokars Gesicht
hochrot anlaufen. Er wollte dem Alten seine Wut ins Gesicht
schreien, kannte seinen Onkel aber gut genug, um zu wissen, dass
dieser nur darauf lauerte, ihm weitere boshafte Antworten zu geben.
Daher bezähmte er sich, holte ein paarmal tief Luft und versuchte,
dem Alten ruhig ins Gewissen zu reden.
»Du hättest die Scheine besser ins Feuer gesteckt, als sie für Fridolin
zu vergeuden. Der Kerl ist bis ins Mark verderbt! Trotz seiner
Jugend spielt er, säuft und treibt sich mit zweifelhaften Frauenzimmern
herum. Er ist eine Schande für unsere Familie, und jeder
Taler, den du für ihn ausgegeben hast, müsste dir in der Seele weh
tun.«
»Ha! Ich habe in meiner Jugend ebenfalls gespielt, gesoffen und
mich mit Weibern herumgetrieben. Und ich bereue das bis heute
nicht.« Bei diesen Worten lachte Wolfhard von Trettin seinem
Neff en ins Gesicht.
Ottokar wurde klar, dass er weder mit guten Worten noch mit
Drohungen etwas erreichen konnte, und so schüttelte er wutschäumend
seinen Stock gegen den alten Mann. »Du wirst noch
von mir hören!«, brüllte er und verließ ohne ein Wort des Abschieds
das Haus.
Wolfhard von Trettin schloss die Tür hinter ihm und sagte sich,
dass es wirklich klüger gewesen war, Lore nach Hause zu schicken.
Das Mädchen hätte sich wegen des Streites geängstigt und ihren
Eltern davon erzählt. Doch es gab Dinge, die auch seine Tochter
nicht zu wissen brauchte.

II.
Ottokar von Trettin bestieg schwungvoll seine Kutsche, ließ sich
in die Polster fallen und klopfte mit dem Stock gegen das Dach.
»Fahr los, Florin, und spare nicht mit der Peitsche. Ich will bald zu
Hause sein.«
Während der Kutscher die Pferde antrieb und der Wagen Geschwindigkeit
aufnahm, ließ Ottokar das Gespräch mit seinem
Onkel Revue passieren und erkannte zu seinem Ärger, dass er gegen
den alten Herrn erneut den Kürzeren gezogen hatte.
»Der soll mich kennenlernen! Vor Gericht werde ich ihm zeigen,
wer hier das Sagen hat«, schwor er sich und drohte mit der Faust
in die Richtung, in der das alte Jagdhaus stand.
Doch es war bereits außer Sicht, denn die Kutsche schoss, von den
schnellen Pferden gezogen, über den von dichten Tannen gesäumten
Forstweg, als sei dieser eine breite, gepflasterte Allee, und legte
die halbe deutsche Meile bis zu der Straße nach Bladiau in kürzester
Zeit zurück. Wenig später bog der Wagen bei dem Dorf Trettin
zum gleichnamigen Gutshof ab. Inzwischen war es dunkel geworden,
und der Kutscher wagte es nicht mehr, die Pferde zu sehr
anzutreiben. Es mochten Äste oder andere Gegenstände auf der
Straße liegen, über die ein Gaul stolpern und zu Schaden kommen
konnte. Stieß den Tieren etwas zu, war er schuld, und es setzte ein
Donnerwetter.
Kurz hinter dem Dorf kamen die schattenhaften Umrisse eines
Hauses in Sicht. Ottokar starrte durch das off ene Kutschenfenster
auf das tief heruntergezogene Reetdach und knirschte mit den
Zähnen. Es war das Lehrerhaus, in dem seine Base mit ihrer Familie
lebte. Hinter den Fenstern war kein Funken Licht mehr zu
erkennen. Die Bewohner waren wohl bereits zu Bett gegangen.
»Halt an!«, befahl Ottokar dem Kutscher, denn es würde ihm Ge15
nugtuung bereiten, Leonore Huppach und ihren vertrottelten
Mann zu wecken und ihnen zu sagen, dass er seinen Onkel lieber
im Gefängnis sehen wollte, als auf das ihm zustehende Vermögen
zu verzichten. Vielleicht konnte er die beiden so einschüchtern,
dass sie freiwillig bekannten, wo der Alte das unterschlagene Geld
versteckt hielt. Wenn er sie ebenfalls vor Gericht zerrte und sie als
Diebe verurteilen ließ, würden sie das Wohnrecht im Lehrerhaus
verlieren und auf der Straße stehen, und das gebührte diesem
Pack.
»Herr, die Kutsche steht«, meldete Florin missmutig, als sein Herr
sich nicht rührte. Warum musste er ausgerechnet vor dem Lehrerhaus
anhalten, in dem ohnehin keiner mehr wach war? In der
Gutsküche wartete eine deftige Abendmahlzeit auf ihn, und die
Pferde sehnten sich nach ihrer Futterkrippe im Stall.
Zu Florins Bedauern öffnete Ottokar von Trettin schließlich den
Schlag und stieg aus. Er atmete ein paarmal tief durch, trat einige
Schritte auf das reetgedeckte Haus zu und hob den Knauf seines
Stockes, um gegen die Tür zu schlagen. Dabei überlegte er sich,
was er sagen sollte, und zögerte. Würde er das Gesindel da drinnen
zur Rede stellen, warnte er sie nur und gab ihnen die Möglichkeit,
das Geld, das sein Onkel dem Gut entnommen hatte,
verschwinden zu lassen. Nachdenklich schlenderte er bis zu dem
kleinen Ziegenstall, der an das Wohnhaus angebaut war, und zog
sein Zigarrenetui heraus. Während er sich eine Zigarre auswählte
und sie anzündete, wuchs sein Ärger, weil an diesem Tag rein gar
nichts so lief, wie er es gerne gesehen hätte.
Als das Schwefelhölzchen flatternd zu Boden fiel und erst nach
ein paar Augenblicken erlosch, verzog Ottokar von Trettin seine
Lippen zu einem zufriedenen Grinsen. Ganz ungestraft wollte er
Leonore Huppach nicht davonkommen lassen. Daher ging er zum
Heuschober hinüber, der nur wenige Schritte vom Wohnhaus
entfernt stand, und öff nete die Tür. Der würzige Duft des Heus
schlug ihm entgegen, und er erinnerte sich, seine Cousine im letzten
Herbst bei der Mahd beobachtet zu haben. Diese hatte genug
Heu eingelagert, so dass ihre Ziegen bei den in diesem Landstrich
unvermeidlichen Kälteeinbrüchen nicht auf die Weide getrieben
und dort von den Kindern gehütet werden mussten. Den Vorteil
würde er seiner Cousine in diesem Jahr versalzen, sagte er sich und
lachte hämisch. Er blies auf die Zigarre, bis sie hell aufglühte, und
warf sie in den Heuschober.
Noch während er sich umdrehte, um zu seiner Kutsche zurückzukehren,
entzündete sich das trockene Heu in einer Stichflamme,
und Sekunden später brannte der Schober lichterloh. Ottokar von
Trettin wurde von der Wucht des Feuers überrascht und bekam es
plötzlich mit der Angst zu tun. So rasch, wie man es ihm bei seiner
Körperfülle niemals zugetraut hätte, sprang er in die Kutsche und
befahl dem Mann auf dem Bock, sofort weiterzufahren.
Florin gehorchte und ließ die Pferde antraben. Sein Herr steckte
unterdessen den Kopf aus dem Kutschenfenster und starrte auf
das Feuer, dessen Flammen jetzt schon höher schlugen als das
Reetdach des Wohnhauses. Ein kühler Windstoß fegte über das
Land und trieb die Funken des brennenden Heuschobers auf das
Haus zu. Das Reetdach entzündete sich sofort, und die immer rascher
hereinbrechenden Böen fachten das Feuer an, bis das ganze
Haus einer hell lodernden Fackel glich.
Ein Teil seines Verstands sagte Ottokar von Trettin, dass er anhalten
und seine Base wecken musste, damit sie und ihre Familie
noch rechtzeitig aus dem brennenden Haus kamen. Er klopfte gegen
das Kutschendach, um den entsprechenden Befehl zu geben,
hörte sich stattdessen aber rufen: »Peitsche die Pferde, Florin! Ich
will so schnell wie möglich nach Hause.«

III.
Lore stolperte durch den Wald und schimpfte mit sich selbst,
weil sie die Abkürzung genommen hatte anstatt den längeren, aber
in der Dunkelheit besser zu bewältigenden Forstweg. Zweimal
war sie nun schon über eine Wurzel gestolpert, die sie in der Dunkelheit
nicht gesehen hatte, und nun hatte sie sich auch noch den
Saum ihres Kleides aufgerissen. Dabei handelte es sich um eines
ihrer beiden guten Kleider, die sie nur dann anzog, wenn sie zu
ihrem Großvater ging.
Früher hatte sie den alten Herrn regelmäßig im Gutshaus besucht,
und auch nachdem er in das kleine, ganz aus Holz gebaute und
schon etwas schäbige Jagdhaus gezogen war, das ihm als einzige
von all seinen Liegenschaften noch gehörte, hatte sie mit dieser
Gewohnheit nicht gebrochen. Allerdings lag es mitten in einem
ausgedehnten Waldgebiet, das fast bis an das Dorf Trettin reichte
und nur zu einem kleinen Teil zum Gutsbesitz gehörte. Ihre feinen
Kleider waren dort ein wenig fehl am Platz, doch ihr Großvater
bestand darauf, dass sie sich wie eine Dame von Stand kleidete
und auch so benahm. Nun tat es ihr leid um das beschädigte Kleid,
und sie hoffte, es so nähen zu können, dass man den Schaden nicht
sah.
Für einen Augenblick dachte sie an die Frau des früheren Pastors,
bei der sie nähen und sticken gelernt hatte. Bedauerlicherweise
war die alte Frau nach dem Tod ihres Mannes nach Königsberg zu
Tochter und Schwiegersohn gezogen. Den Kontakt zur Familie
des neuen Pastors hatte der Großvater ihr verboten, weil der
Geistliche vor dem neuen Gutsherrn auf Trettin liebedienerisch
den Nacken beugte.
Ein weiterer Fehltritt und ein stechender Schmerz im Knöchel
rissen Lore aus ihrem Sinnieren, und sie humpelte weiter. Wenn
sie nicht achtgab, verirrte sie sich noch in dem ausgedehnten Forst,
der an manchen Stellen in Moor überging. Zudem gab es noch
ganz andere, reale Gefahren für ein Mädchen ihres Alters. An die
Waldgeister, mit denen das Dienstmädchen ihres Großvaters ihr
Angst einjagen wollte, glaubte sie jedoch nicht.
Als Lore den Stumpf einer im letzten Sommer vom Blitz getroff enen
Buche entdeckte, atmete sie erleichtert auf. Sie war noch auf
dem richtigen Weg. Kurz darauf wurde das Kronendachlichter,
und sie konnte wieder den Boden zu ihren Füßen erkennen. Sie
beschleunigte ihre Schritte trotz des schmerzenden Knöchels,
denn sie hoffte, zu Hause könne noch jemand wach sein. Wahrscheinlicher
war es, dass ihre Eltern und Geschwister bereits im
Bett lagen. Sie hatte mehrere Tage bei ihrem Großvater bleiben
sollen, und daher wartete niemand auf sie. Wieder einmal ärgerte
sie sich, dass sie als Älteste von vier Geschwistern keinen Schlüssel
besaß, so würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als ihre Eltern zu
wecken. Doch wie sollte sie ihnen ihr nächtliches Erscheinen erklären?,
fragte sie sich. Ottokars Besuch bei dem alten Herrn
musste sie verschweigen, um ihre Angehörigen nicht aufzuregen,
und sie wollte auch nicht den Anschein erwecken, ihr Großvater
hätte sie im Zorn nach Hause geschickt.
Noch während sie darüber nachsann, entdeckte sie vor sich einen
hellen Lichtschein über dem Horizont und vernahm laute, panikerfüllte
Stimmen. Angst drohte ihr die Luft abzuschnüren, und sie
begann zu rennen. Nach kurzer Zeit traf sie auf die Straße und
sah ihr Elternhaus vor sich – hell auflodernd wie ein riesiger
Scheiterhaufen.
Menschen liefen gestikulierend hin und her oder schleppten Eimer,
die sie am nahe gelegenen Bach füllten, um den Brand zu löschen.
Doch die Hitze der hoch aufzüngelnden Flammen war so
groß, dass das meiste Wasser verdampfte, bevor es das Dach oder
die Fenster erreichte.
Lore taumelte näher und hielt nach ihren Eltern und ihren Geschwistern
Ausschau, sah aber nur Dorfnachbarn um sich, die
zum Lehrerhaus geeilt waren und nicht weniger verzweifelt wirkten
als sie.
Eine Frau entdeckte sie und kreischte auf, als sähe sie ein Gespenst
vor sich. Dann aber blickte sie zum Wald hinüber, in dem, ein gutes
Stück entfernt, das Jagdhaus des alten Trettin lag. »Du warst
wohl wieder bei deinem Großvater.«
Das Mädchen nickte und deutete auf das Haus, dessen Dach nun
in einer Wolke aufstiebender Funken einbrach. »Mama und Papa!
Wo sind sie? Und wo …?« Das Gesicht der Frau aus dem Kolonialwarenladen
verriet ihr genug.
Ein Mann kam auf sie zu, fasste sie um die Schultern und drückte
sie an sich. Lore blickte auf und erkannte den alten Kord, den ehemaligen
Vorarbeiter auf Gut Trettin, der von dem neuen Herrn
wegen seiner Treue zu ihrem Großvater entlassen worden war.
Die hoch auflodernden Flammen beleuchteten ein vor Entsetzen
verzerrtes Gesicht.
»Bete zu Gott, mein Kind! Das ist das Einzige, was du noch tun
kannst. Es ist keinem von deinen Angehörigen gelungen, das Haus
zu verlassen.«
»Nein! Nein! O Gott! So grausam kannst du doch nicht sein!«
Lore riss sich los und stolperte auf das brennende Gebäude zu.
Sofort packten einige Leute sie und zerrten sie zurück.
»Du kannst ihnen nicht mehr helfen, Kind!«, beschwor Kord sie.
»Danke Gott, denn er hat an dir ein Wunder getan, Lore!«, sagte
die Ladenbesitzerin. »Zwar nahm er dir deine Eltern und Geschwister,
aber er ließ dich am Leben.«
»Ich wollte, ich wäre tot!«, brach es aus Lore heraus.
Die alte Miene, deren Kate dem Lehrerhaus am nächsten lag,
murmelte etwas vor sich hin. Zwar verstand Kord nur ein paar
Wortfetzen, doch es riss ihn wie ein Peitschenschlag herum.
»Sag das noch einmal, Miene!«
»Die Tochter des alten Trettin und ihre Familie könnten noch leben.
Als das Feuer aufl oderte, habe ich zum Fenster hinausgeschaut
und gesehen, wie der neue Gutsherr am Lehrerhaus vorbeigefahren
ist. Er hätte nur anhalten und rufen müssen, dann wären
sie gerettet worden. Ich bin zwar noch zum Lehrerhaus gelaufen
und habe geschrien, so laut ich konnte, aber es war zu spät.«
»Das ist doch dummes Geschwätz! Behaupte so etwas nicht noch
einmal, du alte Hexe!«, klang eine harte Stimme auf.
Die Leute drehten sich erschrocken um, sahen den Pastor auf die
Brandstelle zukommen und wichen zurück. Niemand von ihnen
mochte den Mann. Sein Vorgänger war von echtem Schrot und
Korn gewesen und hatte mit den Menschen geredet, wie ihm der
Schnabel gewachsen war. Der neue Pfarrer hingegen sprach nur
Schriftdeutsch und versuchte nicht einmal, auf den Dialekt der
Landbevölkerung einzugehen. Außerdem war er gut Freund mit
dem neuen Herrn auf Trettin, und der hatte sich in den zwei Monaten,
in denen er das Gut besaß, wie Kaiser Wilhelm persönlich
aufgeführt und sich bei fast allen von ihm abhängigen Bauern und
Dienstboten verhasst gemacht.
Der Anblick niederbrechender Balken und der aufstiebenden
Funken erinnerte den Pastor daran, dass es hier mehr zu tun gab,
als den neuen Gutsherrn zu verteidigen.
»Was ist geschehen?«, fragte er Kord.
Der alte Mann wies mit der rechten Hand auf das Feuer. »Gebrannt
hat es, und die Leute vom Lehrerhaus sind bis auf die Lore
mausetot.«
Der Blick des Pastors wanderte über die Menschen, bis er auf dem
Mädchen haftenblieb. Dann trat er auf sie zu und zitierte einen
frommen Spruch. Die Worte rauschten an Lore vorbei, die wie zur
Salzsäule erstarrt dastand, und die Umstehenden machten hinter
dem Rücken des Pastors verächtliche Gesten. Zu sagen wagte je
doch niemand etwas, denn neben dem Gutsherrn war der Pastor
der mächtigste Mann im Kirchspiel, und sie hatten bereits bitterlich
erfahren, dass er unbedachte Aussprüche an Ottokar von
Trettin weitertrug.
Auch die alte Miene zog jetzt den Kopf ein. Wenn der Pastor dem
Gutsherrn steckte, was sie vorhin gesagt hatte, würde dieser sie aus
ihrer Kate jagen lassen. Dann blieb ihr nur noch das Armenhaus,
und in das ging keiner freiwillig.
Als die Dorfbewohner sahen, dass sie nichts mehr retten konnten,
wandten sie den Resten des niedergebrannten Hauses den Rücken
zu und schlurften zu ihren Hütten zurück. Kord blieb noch stehen,
weil er nicht wusste, was mit Lore geschehen sollte. In diesem
Zustand konnte das Mädchen unmöglich allein zum alten Jagdhaus
laufen.
Der Pastor nahm ihm die Entscheidung ab, indem er Lore zu sich
winkte. »Du bleibst diese Nacht bei mir, und morgen bringe ich
dich dann zum Gutshof.«
Lore, der erst nach und nach bewusst wurde, was sie in dieser Nacht
verloren hatte, nahm unter der Wucht der Verzweiflung und ihres
Schmerzes, die sie innerlich auff raßen, kaum etwas von ihrer Umgebung
wahr. Das Wort Gutshof aber drang in ihr Bewusstsein,
und sie riss abwehrend die Hände hoch. »Dorthin gehe ich nicht!
Mit dem neuen Herrn auf Trettin habe ich nichts zu tun.«
»Da hat das Mädchen recht, Herr Pastor«, stimmte Kord ihr zu.
»Wenn es nach dem Tod der Eltern jemanden gibt, der sich um
Lore kümmert, dann ist es ihr Großvater.«
Dagegen konnte auch der Pastor nichts einwenden. »Also gut,
dann werde ich Lore morgen früh zum alten Herrn von Trettin
bringen«, erklärte er, obwohl es ihn nicht gerade danach drängte,
dem ehemaligen Gutsherrn zu begegnen. Dieser nahm im Gespräch
mit ihm kein Blatt vor den Mund und warf ihm dieselben
rüden Flüche an den Kopf wie einem Stallknecht.
Kord überlegte derweil, ob er seinen alten Herrn aufsuchen und
ihm von dem Unglück berichten sollte. Doch schon nach wenigen
Schritten blieb er stehen. Dieser Aufgabe fühlte er sich wahrlich
nicht gewachsen, und er sagte sich, dass der Pastor als studierter
Mann sicher bessere Worte finden würde als er.


IV.
Die Nacht verbrachte Lore in einem Gästezimmer des Pastorenhauses,
doch sie hätte am nächsten Morgen nicht zu sagen vermocht,
ob sie nun geschlafen hatte oder nicht. Von der Frau des
Pastors hatte sie ein viel zu weites Nachthemd erhalten, das wie
ein Sack an ihr herabhing und am Boden schleifte. Am Morgen
brachte ihr das Dienstmädchen Waschwasser und ihr ausgebürstetes
Kleid, dessen Riss mit ein paar groben Stichen zusammengeheftet
worden war.
»Du solltest dich beeilen, denn der Herr Pastor will gleich mit dir
zu deinem Großvater fahren. Das Frühstück steht bereits auf dem
Tisch«, drängte die junge Frau.
Frühstück war etwas, das für Lore zu einem anderen Leben zu
gehören schien. Ihr Magen lag wie ein harter Klumpen in ihrem
Bauch, und sie verspürte weder Hunger noch Durst. Vor ihren
Augen sah sie nur die Flammenhölle, die einst ihr Heim gewesen
war, und sie fragte sich wieder und wieder, wieso es ihren Eltern
und Geschwistern nicht gelungen war, vor dem Feuer ins Freie zu
fliehen.
Dabei kam ihr der Ausspruch der alten Miene in den Sinn, der
neue Herr auf Trettin hätte ihre Familie vor dem Schlimmsten
bewahren können. Warum war er einfach vorbeigefahren? Das
schien unbegreiflich. Auch wenn er mit ihrem Großvater verfeindet
war, hätte die Menschlichkeit es doch verlangt, anzuhalten
und die Bewohner vor dem Feuer zu warnen. Vielleicht, sagte sie
sich, hatte Ottokar nach seinem Besuch bei ihrem Großvater vor
Ärger nicht auf seine Umgebung geachtet und daher das brennende
Haus übersehen. Doch so richtig mochte sie daran nicht glauben.
Zumindest Florin auf dem Kutschbock hätte das Feuer bemerken
und seinen Herrn darauf aufmerksam machen müssen.
Also war ihr Verwandter absichtlich weitergefahren.
»Lore! Trödle nicht, sondern komm endlich zu Tisch«, hörte sie
die Stimme der Pastorin ins Zimmer schallen, als sei sie kein Gast,
sondern eine faule Magd.
Sie krümmte sich unter dem Tonfall wie unter einem Hieb, wusch
sich mit dem kalten Wasser rasch Hände und Gesicht, flocht ihre
aufgelösten Zöpfe neu und schlüpfte in ihr Kleid. Als sie wenig
später das Speisezimmer betrat, stand der Pastor bereits an der
Tür und sprach mit seinem Kutscher. Bei Lores Anblick drehte er
sich herum.
»Iss rasch etwas! Ich will gleich losfahren.«
Lore schüttelte schaudernd den Kopf. »Ich kann nichts essen,
Herr Pastor.«
Die Pastorin, die noch am Tisch saß und dem Dienstmädchen zusah,
das ihre beiden Kinder fütterte, krauste die Stirn. »Unsinn! Essen
hält Leib und Seele zusammen und vertreibt den Schmerz.«
So fett, wie du aussiehst, hast du schon viele Schmerzen vertrieben,
fuhr es Lore durch den Kopf. Bereits in der Nacht hatte die
Frau keinen Hehl daraus gemacht, dass sie den Brand des Lehrerhauses
als ein Zeichen Gottes ansah, der die Feinde des neuen
Gutsherrn mit seinem Zorn strafe. Daher war ihre Beileidsbekundung
arg knapp und ohne jedes Mitgefühl ausgefallen. Lore biss
sich auf die Lippen, um der Frau nicht ins Gesicht zu schreien,
was sie von ihr hielt, und warf einen kurzen Blick auf das opulente
Frühstück, das aus hellem Brot, goldgelb glänzender Butter, einem
großen Stück Käse und einer fettigen Leberwurst bestand, und
fühlte, wie es in ihrer Kehle würgte.
Rasch wandte sie dem Tisch den Rücken zu und sah den Pastor
an. »Ich möchte zu meinem Großvater.«
Der Pastor brummte etwas, das so klang, als wolle er sie überreden,
sich doch ins Gutshaus bringen zu lassen. Aber nach einem
Blick auf ihre Miene nickte er nur. »Gut. Fahren wir!«
Er winkte ihr, ihm zu folgen, und verließ das Haus. Es war wie alle
anderen im Ort mit Reet gedeckt, aber größer als das Lehrerhaus
und sehr viel besser eingerichtet. Hier konnte jeder sofort erkennen,
dass der Pastor an Wichtigkeit gleich nach dem Gutsherrn
kam, und der Mann trat entsprechend selbstbewusst auf. Als der
Kutscher den Landauer durch das Dorf lenkte, nahmen die einfachen
Knechte und Arbeiter die Mützen vom Kopf, und die
meisten Frauen knicksten. Der Blick des Pastors glitt jedoch über
die Leute hinweg, und seine Mundwinkel zogen sich verächtlich
herab.
Obwohl der Schmerz um ihre Familie in ihr tobte, ärgerte Lore
sich über die Gutsherrenallüren des Seelsorgers. Sein Vorgänger
hatte für jedermann ein gutes Wort gehabt und off ene Ohren für
die Sorgen der Leute. Der neue Geistliche aber schien die Arbeiter
und Knechte nicht einmal als Menschen anzusehen. Auch für sie
hatte er kein Wort des Trostes gefunden, sondern sie nur wiederholt
aufgefordert, sich doch besser in die Obhut Ottokar von
Trettins und Malwines zu begeben, als zu ihrem Großvater zu gehen.
Daher war sie froh, als das Gefährt auf den Forstweg zwischen
den hohen Tannen einbog und der Brandgeruch, der immer
noch in der Luft zu liegen schien, dem Duft des Harzes wich.
Doch in Sicherheit fühlte sie sich erst, als sie das Jagdhaus vor sich
auftauchen sah.
Wolfhard Nikolaus von Trettin hörte den näher kommenden Wagen,
trat vor die Tür und runzelte beim Anblick des ihm verhassten
Pastors die Stirn. Noch mehr wunderte er sich jedoch, seine
Enkelin auf dessen Wagen zu sehen. Das Mädchen war bleich wie
ein Leinentuch, und ihr Blick erinnerte ihn an eine sterbende
Hirschkuh. Sofort war ihm klar, dass etwas Schreckliches geschehen
sein musste.
Der Pastor ließ seinen Kutscher anhalten und stieg aus, ohne sich
um Lore zu kümmern. »Gott zum Gruß, Herr von Trettin!«
»Guten Tag, Pastor«, antwortete dieser mit der ganzen Arroganz
eines ostpreußischen Junkers und verschränkte die Arme vor der
Brust.
Der Pastor beschloss, die Unhöflichkeit des alten Mannes zu
übergehen, und setzte eine wohlwollende Miene auf. »Mein lieber
Trettin, ich bedaure sehr, heute hier stehen und Ihnen eine
schlechte Nachricht überbringen zu müssen. Es hat Gott, dem
Allmächtigen, gefallen, Ihre Tochter, Ihren Schwiegersohn und
alle Enkel bis auf dieses Mädchen hier zu sich zu nehmen.«
Lores Großvater stand einen Augenblick lang wie erstarrt, dann
packte er den Pastor mit einem harten Griff . »Was sagst du da, du
Kretin?«
»Mama, Papa, Wolfi , Willi und Ännchen sind tot! Es gab ein Feuer,
und sie sind …« Lores Stimme klang dünn und versagte ihr
schon bald den Dienst.
Wolfhard von Trettin stieß einen Schrei aus, der nichts Menschliches
an sich hatte. »Mein Kind, meine Enkel tot? Und dieser
Pfaffe sagt auch noch, es hat Gott so gefallen?«
»Versündigen Sie sich nicht!«, rief der Pastor mahnend. »Gottes
Ratschluss ist unergründlich und kann von uns Menschen nicht
begriff en werden. Wer weiß, welche Sünden Ihres Geschlechts
durch dieses Feuer gesühnt wurden.«
Der Blick, mit dem er Lores Großvater maß, ließ keinen Zweifel
daran, wem der Pastor diese Sünden zuschrieb.
Der alte Freiherr spürte, wie die Wut auf den Kirchenmann ihm
das Blut in den Kopf steigen ließ und für den Augenblick selbst
die Trauer um Tochter, Schwiegersohn und Enkel verdrängte.
»Was ist das für ein Gott, von dem du sprichst? Ein gerechter Gott
lässt nicht unschuldige Frauen und Kinder für die Sünden anderer
im Feuer umkommen! Keiner meiner Enkel hat je eine größere
Untat begangen, als zu Weihnachten heimlich ein Plätzchen zu
essen! Warum also hätte Gott sie zu sich nehmen sollen? Es gibt
genug arge Sünder im Land, die ein behagliches Leben führen, obwohl
sie den Schlund der Hölle verdient hätten!« Wolfhard von
Trettins Blick glitt dabei in die Richtung, in der sein verlorener
Gutshof lag.
Der Pastor legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter.
»Nehmen Sie es als Mahnung des Himmels, Herr von Trettin,
und reichen Sie Ihrem Erben die Hand zur Versöhnung. Dann
wird Gott es Ihnen danken.«
Der Alte fuhr wie von der Tarantel gestochen herum und starrte
den Pastor an, als habe dieser den Verstand verloren. »Was soll
ich? Den Räuber meines Eigentums an mein Herz drücken? Das
kann nicht einmal Gott von mir verlangen!«
»Der neue Herr auf Trettin hätte alle retten können. Aber er ist an
dem brennenden Haus vorbeigefahren, ohne sie zu wecken und zu
warnen.« Erst als das Gesicht ihres Großvaters auf einen Schlag
schneeweiß wurde, begriff Lore, dass sie ihre Gedanken laut ausgesprochen
hatte.
Der Pastor warf ihr einen verächtlichen Blick zu. »Hören Sie nicht
auf das dumme Mädchen, Herr von Trettin! Ihre Enkelin wiederholt
nur das haltlose Geschwätz einer verrückten alten Frau. Wäre
der Gutsherr tatsächlich am Lehrerhaus vorbeigekommen, hätte
er selbstverständlich angehalten und die Leute herausgerufen.«
Wolfhard von Trettin dachte an den Besuch seines Neff en, der am
Vorabend bei Anbruch der Dunkelheit vom Jagdhaus weggefahren war.
Dann warf er einen traurigen Blick auf Lore, die zu Fuß
unterwegs gewesen war und das Lehrerhaus erst erreicht haben
konnte, als es bereits in Flammen stand, und lachte mit einem Mal
grässlich auf.
»Du bist kein Pfarrer, sondern ein Diener dieses Teufels, der sich
auf meinem Gut eingeschlichen und es mir weggenommen hat!
Das Kind sagt die Wahrheit! Mein Neffe ist letzte Nacht am Haus
meiner Tochter vorbeigefahren, ohne sie zu warnen, und damit ist
er an ihrem Tod und dem der anderen ebenso schuld, als hätte er
sie eigenhändig ermordet.«
Der Pastor bedachte den alten Herrn mit einem missbilligenden
Blick. »Jetzt mäßigen Sie sich! Es ist eine Sünde, einen geachteten
Mann so zu beschuldigen.«
Mit einem wüsten Fluch ballte Wolfhard von Trettin die Fäuste
und ging auf den Pastor los. Dieser wich zurück und sprang fluchtartig
in seinen Wagen.
»Fahr los!«, herrschte er den Kutscher an. Der Mann schien den
Zorn des alten Freiherrn ebenso zu fürchten wie sein Herr, denn
er trieb die Pferde so stark an, dass der Wagen wie ein Ball über
den unebenen Platz vor der Jagdhütte hüpfte. Gekränkt hockte
der Pastor auf der gepolsterten Bank im Fond und drehte sich
nicht mehr nach dem alten Herrn um. Hinter ihm erscholl noch
ein zornerfüllter Fluch, der mitten im Wort erstarb und einer Stille
Platz machte, die nur vom Rauschen des Windes in den Zweigen
durchbrochen wurde.



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