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Cover
VERLAG
Knaur TB
SEITENZAHL
ca 720
AUSSTATTUNG
Taschenbuch
PREIS
EUR (D) 9,99
ISBN
3-426-63521-6
ISBN-13
978-3-426-63521-6
ERSCHEINUNGSTERMIN
2009-12-22

Dieses Buch ist lieferbar.

 

Leseprobe




Erster Teil
Trudi Franken,
im Jahre des Herrn 1444

1.
Trudi strich sich die Haare aus dem Gesicht und betrachtete Georg von Gressingen verträumt. Noch nie war ihr ein Mann begegnet, der dem Ideal eines edlen Ritters so sehr entsprach. Er war gut eine Handbreit größer als sie und dabei schlank und geschmeidig wie eine Birke. Dunkelblondes Haar umrahmte ein schmales Gesicht, und seine blauen Augen leuchteten so schmeichelnd, dass ihr Herz wie Butter in der Sonne schmolz. Sie liebte ihn! Und sie sehnte sich ebenso wie er nach dem Kuss, um den er sie gebeten hatte.
Dennoch wollte sie es ihm nicht zu leicht machen. Flink schlüpfte sie unter seinen zugreifenden Armen hinweg und sah, wie er vom eigenen Schwung getragen stolperte. Schnell drehte sie sich, damit es so aussah, als mache er einen tiefen Kniefall vor ihr. »Das geschieht Euch recht!« Lachend wandte sie sich ab und tauchte zwischen den Bäumen unter. Ihre Freundin Bona hatte Hardwin von Steinsfeld eine kurze Berührung ihrer Lippen gewährt. Als sie sah, wie Trudi mit ihrem Verehrer spielte, wand sie sich ebenfalls aus Hardwins Armen und rannte hinter ihr her.
»Das war ein Streich!«, rief sie und blickte zurück. Hardwin konnte sie durch die Bäume und Sträucher hindurch nicht mehr erkennen. Aber sie sah noch, wie Georg von Gressingen sich auf die Beine kämpfte und verärgert auf die Stelle starrte, an der Trudi im Unterholz verschwunden war. »Warum hast du denn Junker Georg nicht den Kuss gewährt, den er erbeten hat?«, fragte sie. Trudi gab ihr keine Antwort, sondern rannte noch tiefer in den Wald hinein. Bona zögerte, denn sie sehnte sich danach, Hardwins weiche Lippen noch einmal auf den ihren zu spüren. Jemanden wie ihn hätte sie sich als Gatten gewünscht. Doch der Bräutigam, den ihr Vater ausgesucht hatte, hätte ihr Großvater sein können. Während Hardwins Stimme sanft und schmeichelnd klang, knurrte Moritz von Mertelsbach bei jedem Wort wie ein gereizter Kettenhund. Bona schauderte es bei dem Gedanken, den wenig ansehnlichen Witwer heiraten und für dessen nicht gerade kleine Schar Halbwaisen die Mutter spielen zu müssen. Bei dieser Vorstellung beneidete sie Trudi glühend. Ihre Freundin kannte solche Probleme nicht. Zwar hatte Herr Georg noch nicht auf Kibitzstein vorgesprochen und Michel Adler um die Hand seiner Tochter gebeten, aber das würde er gewiss bald tun. Sein Rang und seine Herkunft machten ihn auch für einen Reichsritter zu einem wünschenswerten Schwiegersohn, und er würde ihre Freundin wohl noch in diesem Jahr, spätestens aber im nächsten heimführen. Bona versuchte sich mit dem Wissen zu trösten, Georg von Gressingens Interesse an Trudi sei, wie sie von ihrem Vater gehört hatte, erst durch deren stattliche Mitgift geweckt worden. Möglicherweise war er also keineswegs so verliebt, wie er tat. Immerhin konnten Trudis Eltern ihrer Tochter neben der feudalen Herrschaft Windach auch noch eine Truhe voll blitzender Gulden mitgeben. Dafür aber musste ein Mann sich bei seiner Erwählten kräftig ins Zeug legen. Bona würde Moritz von Mertelsbach zwei Dörfer mit in die Ehe bringen, doch das hatte den Witwer nicht dazu bewogen, um ihre Zuneigung zu werben.
Verärgert, weil sie sich vom Schicksal schlecht behandelt fühlte, schloss Bona zu Trudi auf und stupste sie an. »Du könntest ruhig ein wenig entgegenkommender sein, schließlich wird Junker Georg ja bald dein Ehemann.«
Trudi schüttelte lächelnd den Kopf. »Noch ist er es nicht. Außerdem finde ich, dass er sich ruhig ein wenig mehr anstrengen sollte, um einen Kuss von mir zu bekommen.«
Bona schnaubte leise und spähte zwischen den Bäumen hindurch. Erkennen konnte sie nichts, aber sie vernahm die Stimmen ihrer Begleiter und hörte Äste unter ihren Stiefeln knacken.
Die beiden begannen wohl gerade, ein Waldstück zu ihrer Rechten zu durchsuchen, und würden einige Zeit brauchen, bis sie sie entdeckten.
Während Bona sich überlegte, ob sie sich nicht bemerkbar machen sollte, rupfte Trudi ein Eichenblatt ab, zerrieb es zwischen den Fingern und sog den strengen, leicht stechenden Geruch ein. »Wir sollten zur Burg zurückkehren. Für zwei Jungfern wie uns ziemt es sich nicht, ohne unsere Mägde durch den Wald zu laufen und dann auch noch die Gesellschaft junger Herren zu suchen. « Trudi raffte ihr langes, grünes Kleid und schritt über das feuchte Moos in die Richtung, in der die Burg von Bonas Vater lag. Plötzlich hörten sie wieder Stimmen und blieben stehen. Georg von Gressingen und sein Begleiter suchten immer noch nach Bona und ihr und befanden sich nun genau vor ihnen.
»Wir müssen einen Bogen schlagen, um nach Hause zu kommen «, flüsterte Trudi ihrer Begleiterin zu. Bona biss sich auf die Lippen und schluckte ihren Ärger hinunter. Ihre Freundin entpuppte sich als richtige Spaßverderberin. Endlich war sie einmal der strengen Aufsicht ihres Vaters entkommen und konnte tun, wonach ihr der Sinn stand, da wollte Trudi wieder in die Burg zurück. Dort aber durfte sie so aufregenden Männern wie Georg und Hardwin nur mit sittsam niedergeschlagenen Augen entgegentreten. Statt Hardwin würde sie dort Moritz von Mertelsbach grob an sich ziehen und küssen, obwohl er aus dem Mund roch. Zudem behandelte ihr Bräutigam sie wie eine Stute, die er von ihrem Vater erstanden hatte, und nicht wie jemanden, der eigene Wünsche oder Gefühle hatte. Störrisch blieb sie stehen. »Ich habe Durst!« Ihre Stimme klang lauter, als es Trudi recht war. »Sei leise, sonst hören uns die Herren!« »Wäre dies ein Schaden? Sie könnten uns etwas zu trinken besorgen und uns danach heimgeleiten.« Bona wollte auf dieses Abenteuer nicht verzichten. Sie fasste Trudi unter und wies mit der Hand auf eine Lichtung, die sich vor ihnen auftat. »Siehst du diesen schönen Platz. Hier will ich ein wenig rasten!« Trudi sah sich unsicher um. »Hardwin und Junker Georg werden uns gleich entdecken!« »Das wäre mir lieb. Ich sagte ja, ich habe Durst, und ich will nicht mit trockenem Mund den steilen Weg nach Hause hochsteigen. Ins Meierdorf aber mag ich nicht gehen. Was würden die Leute sagen, wenn zwei Jungfern wie wir ohne Begleitung und vor allem ohne Geld dort erscheinen würden?« Bona verdrängte dabei die Tatsache, dass dessen Bewohner ihrem Vater fronpflichtig waren und ihr jederzeit einen Becher Wein kredenzen würden. Trudi lauschte den Geräuschen, die zu ihnen drangen. Im Augenblick schienen die beiden jungen Männer sich eher zu entfernen. Gleichzeitig vernahm sie das Plätschern eines kleinen Baches und schöpfte Hoffnung, dass Bona sich mit einem Schluck Wasser zufriedengeben würde. Doch als sie darauf zugehen wollte, hielt ihre Freundin sie zurück. »Mir steht der Sinn nicht nach Wasser. Ich will Wein trinken! «, sagte Bona so laut, dass ihre Verfolger sie hören mussten.
Trudi funkelte sie zornig an, setzte sich aber auf die stumme Bitte ihrer Freundin auf das Moos und zupfte unschlüssig an den Blättern eines Heidelbeerstrauchs.

2. Ich glaube, die beiden sind dort vorne!« Hardwin von Steinsfeld wollte in die Richtung gehen, aus der er Bonas Stimme vernahm. Gressingen hielt ihn mit einem leisen Auflachen zurück. »Nicht so ungeduldig, mein Guter. Eine Jagd muss genossen werden, egal ob auf einen Hirsch, einen Eber oder auf ein Weib.«
»Du kannst eine kleine Tändelei mit zwei hübschen Mädchen doch nicht mit einer Jagd vergleichen«, protestierte Hardwin.
Die Miene des Älteren wirkte mit einem Mal herablassend. »Wieso nicht? Sag, was willst du tun, wenn wir wieder bei den beiden sind?«
»Mich erst einmal bei Bona und Trudi entschuldigen, weil wir sie vor hin so bedrängt haben. Ich fürchte, wir haben sie erschreckt!« Georg von Gressingen schüttelte nachsichtig den Kopf. »Nein, mein Guter! Ich habe die beiden nicht so weit von der Burg fortgelockt, um jetzt höfl ich meinen Diener vor ihnen zu machen.« »Fortgelockt? Aber wir sind ihnen doch nur aus Zufall begegnet «, rief Hardwin verdattert. Gressingen lachte spöttisch auf. »Das glaubst auch nur du! Ich selbst habe ihnen den Rat gegeben, ein wenig spazieren zu gehen, während ihre Väter sich mit meinem Onkel, deiner Mutter und einigen anderen Gästen die Köpfe heißreden. Jetzt haben wir die Zeit und die Gelegenheit, die wir brauchen. Die beiden Mädchen sind wie pralle Äpfel – gerade reif zum Pflücken. Und das werden wir beide auch tun. Oder zwickt es dich nicht, Bona die Röcke hochzuschlagen und mit ihr das zu tun, was schon Adam mit Eva gemacht hat?«
Hardwin starrte sein Gegenüber erschrocken an. »Du willst Ritter Ludolfs Tochter Gewalt antun, und das hier, auf seinem eigenen Grund und Boden. Das wäre ein Schurkenstück …« »Wenn es denn eines wäre!«, unterbrach Georg den Jüngeren lachend. »Wenn die beiden Mädchen es nicht selbst wollten, würden sie nicht hier im Wald auf uns warten, sondern wären längst zur Burg oder wenigstens auf die Straße zurückgekehrt. So aber sind sie doch darauf aus, dass wir sie finden. Keine Sorge, du wirst nicht zu kurz kommen. Ich überlasse dir Bona, denn mir steht der Sinn mehr nach Jungfer Hiltrud.«
… und nach deren Mitgift, setzte Gressingen insgeheim hinzu. Sein Besitz brachte kaum genug ein, um ihn zu ernähren, und 12 die Schulden, die er in den letzten Jahren angehäuft hatte, drohten ihm die Luft abzuschnüren. Er brauchte dringend eine reiche Braut, doch eine solche war unter den Töchtern der fränkischen Ritter seltener zu finden als eine Perle in einer Muschel. Trudi Adler war die einzige heiratsfähige Erbin, die er kannte, und aus diesem Grund hatte er sie schon bei der ersten Begegnung umworben und versucht, sie für sich einzunehmen. Außerdem war sie hübscher als die meisten Mädchen, die für ihn als standesgemäße Bräute in Frage kamen, und das hielt er für eine angenehme Zugabe zu ihrem Geld. Heute würde er den Knoten so fest schürzen, dass ihm dieses fette Täubchen nicht mehr entfliehen konnte. Allerdings wusste er, dass er bei Trudis Mutter als Brautwerber nicht willkommen sein würde. Das hatte Marie Adler ihn bei seinen Besuchen auf Kibitzstein zwar höflich, aber doch unmissverständlich spüren lassen. Doch wenn diese erfuhr, dass er sich mit ihrer Tochter bereits fleischlich verbunden hatte, würde sie sich nicht mehr gegen eine Heirat stemmen können.
Unterdessen hatte Hardwin einen weiteren Haken entdeckt. »Aber du bist noch nicht einmal mit Trudi verlobt, und was Bona betrifft, so soll sie diesen alten Bock Mertelsbach heiraten!« »Bonas Heirat mit Mertelsbach sollte ein Grund mehr für dich sein, ihr wenigstens eine schöne Stunde zu bescheren.« Gressingen klopfte seinem Freund aufmunternd auf die Schulter und zog ihn dann mit sich. Insgeheim spottete er über den Einfaltspinsel, der die Rechte eines Tattergreises achten wollte. Seine eigene Familie hatte sich bereits vor vielen Jahren mit dem Herrn auf Mertelsbach überworfen. Allein aus diesem Grund wollte er dafür sorgen, dass dieser statt einer tugendsamen Jungfrau ein bereits erprobtes Frauenzimmer als zweite Gemahlin erhielt. »Du glaubst, Bona würde mir die Schenkel öffnen, obwohl sie mit Ritter Moritz verlobt ist?« Hardwins Stimme klang gepresst, und er leckte sich unwillkürlich mit der Zunge über die Lippen.
Nun hatte Gressingen das Jüngelchen, das noch nicht einmal den Ritterschlag erhalten hatte, genau in dem Zustand, in den er es hatte bringen wollen. »Gerade weil sie mit diesem alten Bock verlobt ist, wird sie die Beine für dich spreizen. Aber Vorsicht! Ungeduld schadet nur. Jungfern sind da sehr eigen. Einerseits brennen sie darauf, dass ein Mann sie besteigt, andererseits aber fürchten sie sich davor. Am besten, du achtest auf mich. Ich gebe dir das Zeichen, wann du deinen Sturmbock zum Angriff rüsten kannst.« Hardwin von Steinsfeld war zwanzig, also nur vier Jahre jünger als sein Begleiter, aber so unerfahren, dass es auch vier Jahrzehnte hätten sein können. Von seiner strengen Mutter am kurzen Zügel gehalten, bestand seine Erfahrung mit dem anderen Geschlecht aus dem einen Mal, bei dem eine schon ältere Magd im letzten Jahr auf dem Heustock den Rock für ihn gehoben und er sich beinahe noch im selben Augenblick in sie ergossen hatte. Der Spott, mit dem dieses Weib ihn überschüttet hatte, ließ ihm noch heute das Blut in die Wangen steigen, und er nahm sich fest vor, Bona keinen Grund zu liefern, ihn zu verhöhnen. Aber er war sich nicht sicher, ob er sich ihr wirklich nähern sollte. Sie war nicht nur die Braut eines anderen Mannes, sondern ebenso wie Trudi eine gute Freundin, die er seit seiner Kindheit kannte. Wenn er mit ihr das Gleiche tat wie damals mit der Magd, würde das ihre Freundschaft entweihen. Georg von Gressingen ahnte seine Gewissensbisse und ärgerte sich darüber. Wenn er Trudi endgültig an sich binden wollte, musste er diesen Tag nutzen und durfte sich seine Chance nicht durch dieses zaudernde Jüngelchen verderben lassen. Daher heizte er die Leidenschaft seines Freundes mit schlüpfrigen Bemerkungen an, während sie auf die Lichtung zueilten, auf der die Mädchen auf sie warteten.



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